Heimat- und Geschichtsverein

Berga/Elster

Chronologie

Das Bauvorhaben Schwalbe V - eine Chronologie

Am 26.10.1934 wurde im Zusammenwirken der IG-Farben, der Deutschen Erdöl AG, der Braunkohlen-Brikett-AG, den Anhaltinischen Kohlenwerken, der Ilse-Bergbau-AG, den Mitteldeutschen Stahlwerken (Flick), der AG Sächsische Werke, der Elektrowerke AG Berlin und der Rheinischen AG für Braunkohlenbergbau AG Halle/Saale als Reaktion auf die ausländische Vorherrschaft im Treibstoffgeschäft die BRABAG gegründet, ein nationalsozialistischer Musterbetrieb.

Reichlich drei Jahre später, am 01.01.1938 nahm das Hydrierwerk Zeitz (Hyzet/Brabag Zeitz) in Tröglitz, unweit von Zeitz die Produktion auf.

Als 1944 die Alliierten Luftangriffe auf die mineralölproduzierenden Industrieobjekte beginnen, gewinnt die Frage nach der Sicherung der Treibstoffherstellung kriegsentscheidende Bedeutung. Am 31. Mai 1944 wird Geilenberg von Hitler beauftragt, die Treibstoffherstellung nach Untertage zu verlagern. Bereits zwei Monate zuvor hatten die Bergämter den Auftrag erhalten, die hierzu geeigneten untertägigen Räume zu erkunden. Wie notwendig dieser Schritt war ergibt sich aus der Tatsache, dass nach zahlreichen Luftangriffen im Juli 1944 98 % der Flugzeugtreibstoffproduktion ausgefallen waren.

Im August 1944 wird die untertägige Verlagerung der Anlagen für die Flugtreibstoffproduktion im Rahmen des Geilenberg-Programmes erstmals mit der Tarnbezeichnung "Schwalbe" betitelt. Bekannt sind sieben "Schwalbe"-Projekte: Oberrödinghausen, Königstein, Polenztal, Hegge- oder Hönnetal, Berga/Elster, Alme und Rügen. Wesentliche Kriterien für die Auswahl der Standorte waren: Bahnanschluß, Wasser, Stromzuführung und geologische Stabilität. Für die schnellstmögliche Inbetriebnahme wurden Bergleute zwangsverpflichtet. Die SS stellt darüber hinaus KZ-Häftlinge zur Verfügung. Für die Aufstellung der Öfen der Hydrierwerke werden Räume mit einer Höhe von 40-50 m benötigt, die hohen Temperaturen standhalten müssen.

Nachdem bis Mitte August 75 % der Produktion des Hyzet ausgefallen waren, wurde der Beschluss zur Verlagerung nach Untertage gefasst. Die Schieferbrüche im Boxberg zwischen Marktgölitz und Zopten bei Probstzella wurden als Standort ausgesucht, aber wegen geologischer Schwierigkeiten bereits im September 1944 wieder aufgegeben.

Nach Aussage des damaligen Bürgermeisters Kluge erscheinen Anfang September erstmals Ingenieure und Bergfachleute in Berga, um im Auftrag der Brabag die Möglichkeit für eine Verlagerung des Hyzet von Marktgölitz nach Berga zu prüfen. Im Oktober erschien Dipl. Ing. Nerge von der Brabag in Begleitung von Fachleuten in Berga um sich persönlich über die Gegebenheiten in Berga und die Gesteinslage des in den Ort hineinragenden Berges zu informieren. Nerge bekundete seine Zufriedenheit und erklärte, Berlin habe sich für den Standort Berga entschieden (Beratung am 03.10.44 in Probstzella).

Bereits wenige Tage später belegte Architekt Hack den Bergaer Ratskeller mit seinem Baustab. Er erklärte dem Bürgermeister, er sei hier für alles verantwortlich. Für die bergmännischen Vorarbeiten zwischen Oktober und Mitte November wurden nur Bergleute und uk-gestellte Wehrmachtskompanien von Dresden eingesetzt. Am 20.Oktober werden Vermessungsarbeiten am Nordhang des Steinberges zwischen Berga und dem Oberhammer unter Aufsicht der SS durchgeführt. Die Anwohner werden aufmerksam, weil sie bewusst von den Arbeiten abgedrängt werden.

Ab November erfolgt in großem Umfang Holzeinschlag in diesem Bereich des Berges. Das Holz wurde benötigt für Brücken, Barackenunterbauten, für den Behelfsausbau der Mundlöcher und verschiedenen Bedarf untertage.

Am 06. November übernahm SS-Obersturmführer Willy Hack offiziell die Leitung des SS-Führungsstabes in Berga. Er war schon in Niedersachswerfen und Ellrich als Bauleiter tätig gewesen. Zu dieser Zeit wurden die Bergleute aus Zwickau durch Berufskollegen aus dem Rheinland verstärkt. Hack wandte sich an die SS-Hauptverwaltung in Berlin um weitere Hilfskräfte zu bekommen. Infolge dessen trafen Mitte November die ersten ca. 70 KZ-Häftlinge aus Buchenwald in Berga ein. In Berga entsteht das "Außenkommando Schwalbe V" des KZ Buchenwald. Die Arbeit der Häftlinge besteht vorrangig im Stollenbau. Kommandant des Außenlagers ist der aus Ostpreußen stammende Dembeck. Die Häftlinge begannen sofort mit umfangreichen Erdbewegungen am Berghang.

Bereits bei Eröffnung der Baustelle am Berg war der Hauptanschluss der Reichsbahn verlegt worden. Dazu wurden entlang des Berghanges am Ufer der Elster 12 km Schmalspurgleise verlegt. Für Unterkünfte und Büros waren drei Massivbauten, 12 große Holzbaracken und eine Vielzahl kleiner Barackenunterkünfte errichtet worden. Der Sheddachbau im sogenannte Werk II der Fa. Crous (vorher Ernst Engländer) wurde zur Unterbringung und Versorgung der Häftlinge genutzt.

Zeitgleich mit dem Bau in Berga begann im November in Tröglitz die Demontage der Hydrieranlage, die in Schwalbe V Berga montiert werden sollte. Das bei der Arbeit im Fels gewonnene steingraue Gesteinsmaterial wurde zu Tarnungszwecken wieder eingesetzt.

Anfang Dezember wird mit der eigentlichen bergmännischen Auffahrung der Stollenanlage im Berg begonnen. 18 Stollen sollen von der Südseite her in den Berg führen, im Inneren durch eine große Halle für die Aufstellung der Produktionsanlage verbunden.

Aus den Tagesberichten der Baustellenleitung ab 02. Dezember ist zu entnehmen, dass für eine 45-Tonnen-Brücke, eine 24-Tonnen-Brücke und andere kleinere Brücken insgesamt ca. 100 Festmeter Holz zum Einsatz kamen. Umfangreiche Bestellungen an Elektromaterial wurden ausgelöst, deren Lieferung spätestens Mitte Januar 1945 erfolgen sollte.

Am 18.12.1944 wird in einem Schreiben hervorgehoben, dass nach Inbetriebnahme des Werkes 1 m³ Wasser/Sekunde aus der Weißen Elster benötigt wird. Das Einlaufbauwerk für die Wassergasanlage soll in der Achse von Stollen 3 verlaufen.

Ab 22. Dezember kommen 2 fahrbare und 2 stationäre Kompressoren für die Druckluftversorgung an den Stollenanschüssen und im Untertagevortrieb zum Einsatz.

Unter dem 18. Januar 1945 ist vermerkt:

Unter Aufsicht von 75 Posten - 979 KZ-Häftlinge zur Arbeit eingeteilt.

Im Bergbau sind im Dreischichtbetrieb 239 Häftlinge mit 21 Posten im Einsatz.

Das sind pro Schicht ca. 80 Häftlinge mit jeweils 7 Posten.

In dieser Zeit werden die Stollen 3 bis 17 auf der Südseite des Berges für den Vortrieb vorbereitet. Die schwierigen Auffahrungen werden von Bergleuten soweit vorangetrieben, bis ungelernte Kräfte hier weiterarbeiten können.

Am 13. Februar 1945 werden 350 amerikanische Kriegsgefangene von Stalag IX-B Bad Orb nach Berga gebracht. Sie finden zunächst Unterkunft im ehemaligen Arbeitsdienstlager am Eulaer Weg. Sie werden für bergmännische Arbeiten in den Stollen 3 - 17 ebenfalls im Schichtdienst eingesetzt (6 Gefangene/Schicht/Stollen). Ihre Vorarbeiter sind Deutsche, jeweils vier pro Tunnel (2/Schicht). Mit den Buchenwaldhäftlingen haben sie während der Arbeit keinen Kontakt. Diese arbeiten in anderen Stollen.

Zum Zeitpunkt ihrer Arbeitsaufnahme hatten die Stollen bereits eine Tiefe von 7 - 16 Metern.

Am 15. Februar 1945 stellt der für das Objekt Schwalbe V zuständige Bauleiter Architekt Fricke fest, dass eine Fertigstellung nicht vor März 1946 zu erwarten sei. Er fordert weitere 1000 Bergleute aus dem Ruhrgebiet an. Fricke hatte am 03. Februar Prof. Rimpl in der Bauleitung abgelöst.

In der Folgezeit treffen weitere zwangsverpflichtete Bergarbeiter in Berga ein. Sie werden in Massenquartieren im Zollhaus und der Stadthalle untergebracht oder in den ohnehin schon überbelegten Privatquartieren in der Stadt.

Aus Unterlagen des Lagerkomitees Buchenwald geht hervor, dass am 01. März 1945 1.837 Häftlinge in Berga waren. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Kranke und Verstorbene in das Lager zurücktransportiert. Wegen der auftretenden Transportprobleme finden ab sofort Bestattungen in einem Massengrab am Baderberg statt. Bis zur Evakuierung des Lagers werden 314 verstorbene Häftlinge dorthin verbracht.

Am 07. März 1945 wird das Lager der kriegsgefangenen Amerikaner näher an die Stollen verlegt. Es befindet sich nunmehr auf der Insel zwischen Mühlgraben und Elster gegenüber der Baustelle. Damit entfällt der tägliche An- und Abmarschweg von jeweils ca. 2,5 km. 14 Tage später wird ein Teil der POWs aus den Stollen abgezogen und zum Bäume fällen und Schienen verlegen geschickt. In den Stollen arbeiten nun vor allem Russen und Slowaken. Am 04.04.1945 bekommt Erwin Metz, der Kommandant des POW-Lagers, Order zur Evakuierung des Lagers. Am 10. April beginnt der Marsch der amerikanischen Kriegsgefangenen über Mühltroff, Dobareuth Richtung Hof.

Am gleichen Tag beginnt auch die Evakuierung der KZ-Häftlinge. Ursprünglich hatte man wohl die Absicht, die Häftlinge in einem der Stollen einzusprengen. Von diesem Vorhaben wurde dann aber Abstand genommen. Die letzten Häftlinge verlassen am 12.04.1945 unter Bewachung von SS-Unterführern das Lager. Ihr Weg führte über Werdau, Aue nach Leitmeritz.

Am 10. April 1945 wird der SS-Führungsstab nach Hallein bei Salzburg verlagert. Am 12. April werden die Bergleute der EStAV nach Zwickau entlassen. Am gleichen Tag wird das Bauvorhaben Schwalbe V offiziell geschlossen.

Als sich die Nachricht von den heranziehenden amerikanischen Truppen verbreitet, werden alle aussagekräftigen Unterlagen des Projektes vernichtet. Der SS-Führungsstab setzt den Bürgermeister von Berga, Emil Kluge als Treuhänder für die gesamte Baustelle ein. Kluge zur Seite steht ein ehemaliger Angehöriger der Bauleitung Fricke, Kusminski. Gemeinsam verwalten sie die Baustelle bis zum 23. Mai 1945.

Am 12. oder 13. April kehrte ein SS-Kommando mit 2 Kübelfahrzeugen und einem LKW nach Berga zurück. Sie sprengten die Elsterbrücke am Zollhaus und die Eisenbahnbrücke südlich der Eulamühle. Angeblich soll es zu diesem Zeitpunkt auch zur Erschießung von Wehrmachtsangehörigen gekommen sein.

Am 16. April 1945 wurde auf Betreiben von Herrn von Zehmen, Markersdorf, die Stadt kampflos an die Amerikaner übergeben. Die 89. US-Inf.-Division besetzt Berga. Während der amerikanischen Besatzungszeit soll der als Sprengmittellager dienende Stollen 18 gesprengt worden sein. Am 01.Mai 1945 wird die Anlage für die Abwicklungsabteilung freigegeben.

Einen Monat später, am 01.06.1945 werden auf dem Friedhof Berga 26 Gräber geöffnet. 22 der 26 exhumierten Leichen wurden als Amerikaner identifiziert, die als Kriegsgefangene in Berga waren. Die sterblichen Überreste wurden in ihre Heimat überführt.

Die US-Streitkräfte verlassen Berga am 12. Juni.

Am 01. Juli beginnt die Besetzung durch die rote Armee.

Nachdem die Amerikaner auch Tröglitz verlassen haben und die Russen dort eingezogen waren, teilt die SMAD in Deutschland mit, dass der Wiederaufbau des Hydrierwerkes Zeitz beschlossen wurde. Es beginnt nun der Abbau aller in Berga bisher errichteten Anlagen. Der Präsident Thüringens, Dr. Paul, erteilt der Brabag Zeitz unter Dipl. Ing. Nerge am 28. Juli die Bevollmächtigung zur Beschlagnahme aller in Schwalbe V vorhandenen Materialien zum Zweck des Wiederaufbaus des Hydrierwerkes. Die Brabag Zeitz wurde sowjetischer Staatsbetrieb. So konnte nach Rückführung der Fertigungsanlage durch die Fa. Braun & Co. von Berga nach Tröglitz die Treibstoffproduktion dort unter sowjetischer Flagge erfolgen.

Ab 01. Oktober ist das Betriebsgelände von Schwalbe V im Besitz der Stadt Berga.

In einer Gläubigerversammlung am 20. April 1946 werden die Gesamtkosten der Maßnahme Schwalbe V mit 110 Mio. RM angegeben. Bis zum Kriegsende sollen davon 30 Mio. RM ausgegeben worden sein. Allein für die bergmännischen Arbeiten durch die EstAV wurden 24 Mio. RM ausgegeben. Demzufolge muss also ein großer Teil der geplanten Leistungen realisiert worden sein.

Ab 21. Juni 1946 wird der Landrat von Greiz zum Pfleger für die Abwicklung des Bauvorhabens Schwalbe V bestellt. Architekt Schellmann, der erst im Februar 1945 als Mitarbeiter von Bauleiter Fricke nach Berga gekommen, und ab Mai als Leiter der Abwicklungsbauleitung tätig war, wird Kreisbaurat. Schellmann sieht sich nicht in der Lage, die angeforderten Leute zur Vorbereitung der Sprengung von Stollenmundlöchern zur Verfügung zu stellen.

Im Oktober 1946 werden die Stollenmundlöcher gesprengt. Schellmann erhält infolgedessen unzählige Schadensmeldungen und Anträge auf Ersatzlieferung von Dachziegeln, Fensterglas, Glühlampen usw.

Am 31.12.1946 wird die Abwicklungsbauleitung endgültig aufgelöst.

Erst 1947 wurde die Baustelle endgültig beräumt und in landwirtschaftliche Nutzung genommen.